Eckpunktepapier des BMWi zur Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft oder “Hans guck in die Luft”

“Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hat am 31.05.2017 ein Eckpunktepapier “Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft” vorgelegt. [1] Das BMWi hat dort zutreffend festgestellt, das das Tempo der Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft zu langsam sei und ein massiver Ausbau der digitalen Infrastruktur in Krankenhäusern notwendig sei. Soweit so gut. Applaus bitte!

In dem Papier werden 9 Eckpunkte aufgeführt:
1. Unterstützung von digitalen, ganzheitlichen Lösungen durch (nicht näher beschriebene) Förderprogramme.
2. Verbesserung des Weges in die Regelversorgung durch die Krankenkassen gemeinsam mit Start-ups.
3. Unterstützung beim Zugang zu Risikokapital durch Beteiligung der Unternehmen und Verbände bei der Festlegung der Gebührenziffer durch den Bewertungsausschuss.
4. Schaffung von Experimentierräumen durch Förderung der Studien und “temporäre und lokal begrenzte Veränderung von Reguliarien” für kleine Unternehmen und Start-ups.
5. Förderung der digitalen Infrastruktur von Krankenhäusern, in dem Investitionen in digitale Infrastruktur der Unikliniken mit 500 Millionen Euro gefördert werden.
6. Bessere Nutzung von Gesundheitsdaten.
7. Einheitlicher Datenschutz durch bundeseinheitliche, transpareten und verbindliche Datenschutzregelungen.
8. Erleichterungen für telemedizinische Anwendungen durch Lockerung der Fernbehandlungs- und Fernverschreibungsverbote.
9. Einheitliche Standards für Anwendungen der Telematikinfrastruktur.

Unter Berücksichtigung der aktuell katastrophalen Situation in der Digitalisierung der deutschen Krankenhäuser könnte man sagen: “Die Richtung stimmt!”.

Bei einer genaueren Betrachtung, stellt man aber fest, dass trotz voraussichtlich 7,9 Milliarden Euro Mehreinnahmen an Steuern alleine in 2017 [2] die so wichtige Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft nur mit 500 Millionen bedacht wird und zwar ausschließlich die Universitätskliniken. Diese haben, so die Verfasser des Eckpunktepapiers, “eine Vorreiterrolle beim Einsatz von Investitionen.” Man erhofft sich auch, dass damit eine “Standardisierung befördert [wird], die auf den ambulanten Bereich ausstrahlen kann.” [Hervorhebungen – d.V.]

Im Umkehrschluß könnte man also annehmen, dass die Ausstrahlung der Standardisierung auf die nicht-universitären Kliniken keine Rolle spielt und diese Kliniken auch keine Vorreiterrolle spielen (sollen). Auch wenn die besondere Rolle der Unikliniken hier außer Frage steht, muss aber die Frage gestattet sein, wie sollen die anderen Kliniken ohne finanzielle Unterstützung eine Vorreiterrolle spielen? Und wenn die Unikliniken dann irgendwann voll digitalisiert sind, müssen sie dennoch ein Faxgerät besitzen, um die “normalen” Krankenhäuser, die wider Erwarten überlebt haben, zu kontaktieren.

Alle schauen momentan auf Dänemark und das dortige Krankenhausnetz. Nach dem gleichen Prinzip würden in Deutschland rund 350 Krankenhäuser ausreichend sein. Soviel die Theorie. Auch wenn in deutschen Ballungsgebieten die Krankenhausdichte teilweise viel zu hoch ist, sollte man eine völlig andere Infrastruktur berücksichtigen. Bei bis zu 400 km Stau in NRW im Berufsverkehr kann die Zeit, in der ein Krankenwagen mit einem Schlaganfallpatienten das nächste Krankenhaus erreicht, doch wesentlich länger sein, als in Dänemarkt im tiefsten Winter. Man sollte es zumindest vorher spaßeshalber testen.

“Seht! Nun steht er triefend nass! Ei! das ist ein schlechter Spaß!” endet die Geschichte von Hans Guck-in-die-Luft von Heinrich Hoffmann [3].
Es ist doch manchal von Vorteil, auch vor die eigenen Füsse zu schauen…

 

Adam Pawelek
projectontime.de

 

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9.-11.Oktober 2017, Rotenburg a.d. Fulda

 

Quellen:
[1] https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Wirtschaft/eckpunkte-digitalisierung-gesundheitswirtschaft.pdf?__blob=publicationFile&v=16

[2] http://www.focus.de/finanzen/steuerschaetzung-2017-steuereinnahmen-klettern-auf-neues-rekordhoch_id_7123017.html

[3] http://www.kikisweb.de/geschichten/struwwelpeter/hansguckindieluft.htm

 

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