Ghosting in Klinikprojekten – ein zunehmendes Phänomen

Ghosting war lange ein Begriff aus dem privaten Umfeld oder aus dem Recruiting. Inzwischen hält dieses Phänomen zunehmend Einzug in Klinikprojekte. Entscheidungsträger oder interne Stakeholder reagieren plötzlich nicht mehr. E-Mails bleiben unbeantwortet, Termine werden kommentarlos abgesagt, Rückmeldungen verzögern sich über Wochen, telefonisch ist niemand zu erreichen. Für laufende Klinikprojekte ist dieses Verhalten mehr als nur irritierend. Es wird zu einem echten Risiko.

Was Ghosting im Klinikprojekt bedeutet

Im Projektkontext beschreibt Ghosting das plötzliche, unbegründete Abbrechen der Kommunikation durch eine beteiligte Person oder Organisation während eines laufenden Projektes. Anders als bei klaren Konflikten oder offenen Ablehnungen fehlt jede Erklärung. Es gibt keine Entscheidung, kein Nein, kein Ja. Nur Funkstille. Gerade in Klinikprojekten, die stark von Abstimmungen, Gremienentscheidungen und interdisziplinärer Zusammenarbeit geprägt sind, entfaltet dieses Verhalten eine besonders destruktive Wirkung. Entscheidungen hängen in der Luft, Projektpläne verlieren ihre Verlässlichkeit und Abhängigkeiten blockieren sich gegenseitig. Die Auswirkungen von Ghosting gehen weit über Verzögerungen hinaus. Projekte verlieren ihre Steuerbarkeit. Risiken lassen sich nicht mehr valide bewerten, weil Entscheidungsgrundlagen fehlen. Budgets werden blockiert, Fristen gerissen, externe Partner verunsichert. Die internen Kosten der Dienstleister explodieren.

„Wir haben lange nachgedacht, jetzt muss es schnell gehen!“

Bei Projekten in Krankenhäusern ist eine lange „Vorbereitungsphase“, d.h. ein Zeitrahmen, in dem generell darüber nachgedacht wird, ob ein Projekt durchgeführt werden soll, keine Seltenheit. Oft von mehreren Monaten oder auch Jahren. Wird die Entscheidung für die Durchführung eines Projektes getroffen, dann muss es schnell gehen. Der/die Dienstleister werden oft nur kurzfristig gebrieft mit dem klaren Wunsch, innerhalb von wenigen Tagen mit dem Projekt zu beginnen. Um diesem Wunsch nachzukommen, müssen Dienstleister nicht nur sehr flexibel sein, sondern vor allem über ausreichende „Pufferkapazitäten“ verfügen, um solche Projekte kurzfristig nicht nur starten, aber auch vollständig durchführen zu können. Die dadurch fehlende Planbarkeit wirkt sich negativ auf die Preise aus. Denn „leere Kapazitäten“, also Zeiträume, die für mögliche kurzfristige Projekte geblockt werden müssen, müssen als Zusatzkosten in den Tages-/Stundensätzen eingepreist werden.

„Wir melden uns kurzfristig“

Noch problematischer ist Ghosting während laufender Projekte. Nachdem ein Auftrag für die Durchführung eines Projektes erteilt wurde und ein Projekt durchgeplant und gestartet wird, gibt es plötzlich und unerwartet einfach keine Rückmeldung. Gemeint ist damit nicht, eine klar kommunizierte Projektpause, um z.B. wichtige Fragen zu klären, bevor es weitergehen kann. Hier geht es um eine absolute Funkstille und Abbruch jeglicher Kommunikation zum Dienstleister. Der Projektplan wird gerissen, der Dienstleister weiß nicht, ob und für wie lange er die Kapazitäten freigeben darf, da unklar ist, warum der Auftraggeber nicht reagiert. Blockiert der Dienstleister die Kapazitäten in der Hoffnung, dass es nach wenigen Tagen weitergeht, bezahlt er womöglich seine Mitarbeiter fürs Kaffeetrinken und Warten. Die ursprüngliche Festpreiskalkulation wird unerwartet gerissen, das Projekt wird unrentabel. Geplante und in der Liquiditätsplanung berücksichtigte Zahlungseingänge finden nicht statt, weil die Projekte stehen und keine Leistungen abgerechnet werden können. Die Kosten der Dienstleister für Mitarbeitergehälter, Lizenzen, Miete etc. laufen aber weiter. Junge Start-Up-Unternehmen, die diese Probleme nicht erwartet haben, können schnell in die Liquiditätsfalle tappen. Sie habe alles richtig gemacht, haben aber zu wenig Geld auf dem Konto, um die Unzuverlässigkeit der Geschäftspartner finanziell zu überstehen.

Die Folgen für Projekte und Organisationen

Noch gravierender als die o.g. Auswirkungen ist der Vertrauensverlust. Projektteams investieren Zeit und Expertise, ohne zu wissen, ob ihre Arbeit jemals genutzt wird. Externe Partner kalkulieren Unsicherheiten ein oder ziehen sich zurück. Langfristig entsteht eine Kultur der Vorsicht, in der niemand mehr klare Zusagen erwartet.
Gut vernetzte Dienstleister warnen Kollegen aus anderen Unternehmen: „Bei diesem Krankenhaus muss du aufpassen, die halten die Zusagen nicht“. Dienstleister, die stark nachgefragt werden, geben dann keine Angebote mehr ab.

Ghosting ist ein Ausdruck einer dysfunktionalen Unternehmenskultur

Ghosting ist in Klinikprojekten nicht nur ein organisatorisches oder kommunikatives Problem, sondern vor allem ein kulturelles. Dort, wo Nicht-Reagieren folgenlos bleibt, entwickelt sich Ghosting zu einem akzeptierten Verhaltensmuster. Es entsteht eine Kultur der Unverbindlichkeit, in der Verantwortung nicht aktiv übernommen, sondern passiv umgangen wird. In solchen Unternehmenskulturen wird Schweigen zur Strategie. Entscheidungen werden vermieden, indem Kommunikation ausgesetzt wird. Konflikte werden nicht offen ausgetragen, sondern durch Zeitverzug neutralisiert. Besonders problematisch ist dabei, dass dieses Verhalten selten sanktioniert wird. Im Gegenteil: Wer nicht antwortet, gewinnt Zeit und entzieht sich kurzfristig dem Erwartungsdruck. Ghosting beginnt oft direkt in der obersten Etage. Diese Kultur wirkt sich unmittelbar auf die Projektqualität aus. Engagement wird entwertet, Initiative ausgebremst und Vertrauen systematisch untergraben. Projektbeteiligte lernen, dass Verbindlichkeit kein stabiler Wert ist. Langfristig führt dies zu einer Erosion der Zusammenarbeit, in der Absicherung wichtiger wird als Gestaltung.

Eine tragfähige Projektkultur im Krankenhaus braucht daher das Gegenteil von Ghosting. Sie braucht Klarheit, Verlässlichkeit und den Mut, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen oder offen zu kommunizieren, wenn Prioritäten sich ändern. Ghosting verschwindet nicht durch Appelle, sondern durch eine Kultur, die von der Geschäftsführung vorgelebt und von den Mitarbeitern erwartet wird.

Adam Pawelek
projectontime.de
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